Etwas Geschichte:
Das Schwert und der Halbmond
Eine mythologisch-historische Chronik der Reconquista
Es heißt, dass die Iberische Halbinsel einst ein Land zwischen zwei Welten gewesen sei.
Im Norden erhoben sich die Berge wie die Mauern einer uralten Festung. Im Süden glänzten die Städte im Licht der Sonne, und über den Ebenen zogen Karawanen, Heere und Händler. Flüsse durchquerten das Land wie silberne Adern, während über den Städten die Türme von Kirchen, Moscheen und Synagogen in den Himmel ragten.
Doch bevor die großen Reiche entstanden, bevor Granada seinen roten Palast erhielt und Córdoba zum Zentrum des Wissens wurde, lebten dort die Westgoten.
Das Land der alten Könige
Die Goten waren einst ein germanisches Volk gewesen. Ihre Vorfahren verehrten alte Götter, bevor sie im Laufe der Jahrhunderte das Christentum annahmen. Durch Wulfila wurden viele von ihnen im 4. Jahrhundert christianisiert. Lange gehörten sie jedoch dem arianischen Christentum an. Erst König Rekkared I. wandte sich 589 auf dem Dritten Konzil von Toledo dem nizänischen Christentum zu.
So entstand ein Königreich, in dem gotische und hispano-römische Traditionen miteinander verschmolzen.
Doch Königreiche sind nicht unsterblich.
Im Jahr 711 erschien am Horizont eine neue Macht.
Muslimische Truppen unter Ṭāriq ibn Ziyād setzten aus Nordafrika nach Iberien über. Am Guadalete trafen sie auf das Heer des westgotischen Königs Roderich. Die Schlacht endete mit der Niederlage des Königs.
Danach fiel ein großer Teil der Halbinsel innerhalb weniger Jahre unter muslimische Herrschaft. Nur im Norden blieben christliche Herrschaften bestehen.
Der Berg und der König
In den Bergen des Nordens erzählt die Überlieferung von Pelagius, dem König von Asturien.
Um 722 kam es bei Covadonga zum Kampf zwischen den christlichen Aufständischen und muslimischen Truppen.
Historisch war die Schlacht wahrscheinlich begrenzt. Doch in der Erinnerung der späteren Jahrhunderte wurde sie zu etwas Größerem.
Der Berg wurde zum Symbol.
Pelagius wurde zum ersten Wächter einer christlichen Rückeroberung.
Und aus Asturien sollten später León, Kastilien, Navarra, Aragón und weitere christliche Herrschaften hervorgehen.
In der Sprache der Sage könnte man sagen:
Als die Ebenen bereits verloren schienen, blieb im Norden ein Feuer brennen.
Es war klein wie eine Kohle im Wind, doch niemand konnte es ganz löschen.
Córdoba – die Stadt des Mondes
Während im Norden die christlichen Reiche um Land und Macht kämpften, wuchs im Süden Al-Andalus.
Córdoba wurde zu einem Zentrum von Macht, Handel und Gelehrsamkeit. Im Jahr 929 erhob ʿAbd ar-Raḥmān III. Córdoba zum Kalifat.
Dort begegneten sich Menschen verschiedener Religionen und Kulturen. Medizin, Mathematik, Astronomie und Philosophie wurden gepflegt. Arabische Sprache und islamische Verwaltung prägten das Land. Christen und Juden lebten ebenfalls in Al-Andalus, allerdings nicht unter denselben rechtlichen Bedingungen wie Muslime. Je nach Epoche wechselten Phasen relativer Toleranz mit Zeiten von Verfolgung und Zwang.
Wenn die Berge im Norden für die christliche Erinnerung das Reich des Schwertes wurden, erschien Córdoba in der späteren Vorstellung als Reich des Wissens.
Doch auch Córdoba war nicht ewig.
Als das Kalifat zerbrach
Im Jahr 1031 zerfiel das Kalifat von Córdoba.
Viele kleinere muslimische Staaten entstanden: die Taifas.
Nun veränderte sich das Gleichgewicht der Kräfte. Die christlichen Herrscher im Norden verlangten Tribute und erweiterten ihre Macht.
1085 fiel Toledo an Alfons VI. von León und Kastilien.
Die alte Stadt, einst Hauptstadt des Westgotenreichs, wurde damit zu einem neuen Symbol.
Doch die Herrscher der Taifas riefen Hilfe aus Nordafrika.
Die Almoraviden kamen.
1086 besiegten sie die Kastilier bei Sagrajas und übernahmen später die Herrschaft über viele Taifas. Im 12. Jahrhundert folgten die Almohaden und stabilisierten die muslimische Herrschaft erneut.
So wurde Iberien zu einem Schachbrett der Könige.
Christen kämpften gegen Muslime.
Christen kämpften gegen Christen.
Muslime kämpften gegen Muslime.
Und manchmal standen Christen und Muslime sogar auf derselben Seite.
Denn hinter den Bannern der Religion standen auch andere Mächte: Land, Steuern, Erbansprüche, Städte, Handelswege und die Macht der Dynastien.
Das Kreuz und das Schwert
Mit dem Aufstieg der europäischen Kreuzzugsbewegung erhielt der Kampf auf der Iberischen Halbinsel zunehmend eine religiöse Bedeutung.
Päpste unterstützten bestimmte Feldzüge, Kämpfer erhielten religiöse Privilegien, und Ritterorden wie Santiago, Calatrava und Alcántara wurden zu mächtigen Akteuren an den Grenzen.
Doch nicht jeder Krieg war ein Kreuzzug.
Manche Feldzüge waren Eroberungskriege. Andere waren dynastische Auseinandersetzungen.
Das Kreuz konnte über einem Heer wehen, während der eigentliche Streit um eine Burg, einen Flussübergang oder eine Krone geführt wurde.
Der Tag der großen Schlacht
Dann kam das Jahr 1212.
Bei Las Navas de Tolosa trafen die christlichen Heere Kastiliens, Aragoniens, Navarras und weiterer Verbündeter auf die Almohaden.
Am 16. Juli wurde das muslimische Heer geschlagen.
In der späteren Erinnerung wurde dieser Tag zu einem Wendepunkt.
Danach zerfiel die politische Macht der Almohaden auf der Iberischen Halbinsel zunehmend. Die christlichen Reiche drangen weit nach Süden vor.
Kastilien eroberte Córdoba 1236, Jaén 1246 und Sevilla 1248.
Aragón nahm Mallorca und Valencia ein.
Portugal eroberte Lissabon und schließlich die Algarve.
Die Karte Iberiens veränderte sich.
Granada – das letzte Licht
Doch im Süden blieb ein Reich bestehen.
Granada.
Das Nasridenemirat entstand 1232 und sollte bis 1492 überdauern.
Dort erhob sich die Alhambra über der Stadt – Paläste, Höfe, Wasserbecken und kunstvolle Ornamente, als hätte ein Architekt versucht, aus Stein und Wasser einen Traum zu bauen.
Granada war schwach genug, um Tribut an Kastilien zu zahlen, aber stark genug, seine Unabhängigkeit über Jahrhunderte zu bewahren.
Seine Feinde kamen.
Seine Fürsten stritten.
Dynastien zerbrachen und wurden neu geschmiedet.
Doch Granada blieb.
Das letzte Jahr
1482 begann der letzte große Krieg gegen Granada.
Königin Isabella von Kastilien und König Ferdinand von Aragón führten gemeinsam den Feldzug.
Zehn Jahre später war die letzte muslimische Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel besiegt.
Am 2. Januar 1492 übergab Muhammad XII., in der spanischen Überlieferung Boabdil genannt, Granada an die katholischen Monarchen.
Der Halbmond verlor sein letztes politisches Königreich in Iberien.
Das Kreuz stand nun über Granada.
Doch die Geschichte war damit nicht zu Ende.
Sie begann erst, ihre schwersten Kapitel zu schreiben.
Das Schweigen nach dem Sieg
Zunächst wurden den Muslimen Granadas bestimmte Rechte zugesichert.
Doch diese Zusagen hielten nicht dauerhaft.
1492 mussten Juden entweder zum Christentum übertreten oder die Gebiete der kastilischen und aragonesischen Herrscher verlassen. Viele gingen nach Nordafrika, in das Osmanische Reich, nach Portugal und in andere Regionen.
Auch die muslimische Bevölkerung geriet zunehmend unter den Druck religiöser Vereinheitlichung. Viele Menschen wurden zur Taufe gezwungen. Die so christianisierten Muslime wurden später als Moriscos bezeichnet. Zwischen 1609 und 1614 wurden die meisten von ihnen aus Spanien vertrieben.
Die Spanische Inquisition, 1478 unter Isabella und Ferdinand eingerichtet, überwachte insbesondere Konvertiten. Sie konnte Verhöre, Gefängnis, Vermögensverlust, öffentliche Buße und in manchen Fällen Hinrichtungen anordnen; auch Folter kam vor.
So hatte der Sieg eine doppelte Gestalt.
Für die christlichen Monarchen bedeutete er die Vollendung ihrer Herrschaft über die Halbinsel.
Für viele andere Menschen bedeutete er Verlust: den Verlust von Heimat, Religion, Besitz oder einer vertrauten kulturellen Welt.
Das Land, das drei Erinnerungen bewahrt
Und doch verschwand die Vergangenheit nicht.
Sie blieb in den Mauern.
In den Bögen.
In den Wörtern.
In den Gärten.
In den Bewässerungssystemen.
In der Musik.
In den Büchern.