Wo befindet sich die slawische Diaspora in Deutschland?
Wer heute durch Berlin, Hamburg, das Ruhrgebiet oder München geht, hört Polnisch, Ukrainisch oder Russisch. Doch die slawische Geschichte Deutschlands ist älter als die heutigen Migrationsbewegungen.
Große Teile des heutigen Ostdeutschlands gehörten im frühen Mittelalter zur westslawischen Welt. Zwischen Elbe, Saale, Oder und Ostsee lebten zahlreiche slawische Gruppen. Ihre Spuren finden sich bis heute in Ortsnamen und Landschaften.
Und vielleicht beginnt die Geschichte ausgerechnet in Berlin.
Berlin – der „Sumpf“?
Eine verbreitete sprachwissenschaftliche Deutung führt Berlin auf eine westslawische beziehungsweise altpolabische Wurzel zurück, die mit Sumpf, Morast oder feuchtem Gelände verbunden wird. Die Deutung ist nicht endgültig bewiesen, gilt aber als ernstzunehmende Erklärung.
Das Bild passt erstaunlich gut: Berlin entstand an Spree und Havel, in einer Landschaft aus Wasser, Niederungen und Feuchtgebieten.
Wenn diese Deutung stimmt, trägt die deutsche Hauptstadt bis heute ein westslawisches Wort in ihrem Namen.
Berlin wäre dann nicht die Stadt des Bären – sondern die Stadt im Sumpf.
Die Slawen von damals und heute
Die mittelalterlichen Slawen waren keine einheitliche Nation. Sprewanen, Heveller und andere westslawische Gruppen lebten dort, wo heute Berlin und Brandenburg liegen. Ihre Religion war eng mit der Natur verbunden: heilige Haine, Quellen, Flüsse und Bäume gehörten zur sakralen Landschaft.
Die heutigen Polen, Ukrainer oder Russen in Deutschland sind natürlich nicht einfach deren Nachfahren. Ihre Präsenz entstand vor allem durch Migration.
Berlin ist heute dennoch eines der sichtbarsten Zentren slawischer Kultur in Deutschland. Das Ruhrgebiet besitzt mit den Ruhrpolen eine noch ältere industrielle Migrationsgeschichte. Im 19. Jahrhundert kamen Hunderttausende Menschen aus polnischsprachigen Gebieten in die Bergbauregion. Viele ihrer Nachkommen sind heute Deutsche – doch Namen, Vereine, Traditionen und Familiengeschichten erinnern weiterhin an ihre Herkunft.
Heute ziehen Polen und Ukrainer vor allem dorthin, wo Arbeit, Universitäten und internationale Netzwerke konzentriert sind: nach Berlin, München, Hamburg, Frankfurt, Stuttgart, Leipzig oder Dresden.
An der Grenze entstehen wiederum besondere Räume: Görlitz und Zgorzelec, Frankfurt (Oder) und Słubice zeigen, wie eine politische Grenze bestehen kann, während der Alltag längst grenzüberschreitend geworden ist.
Und dann ist da die Lausitz
Die vielleicht außergewöhnlichste Geschichte findet man jedoch nicht in Berlin, sondern in der Lausitz.
Hier leben die Sorben – eine autochthone westslawische Minderheit Deutschlands. Bautzen heißt auf Obersorbisch Budyšin, Cottbus auf Niedersorbisch Chóśebuz.
Ihre Geschichte reicht bis ins frühe Mittelalter zurück.
Zweisprachige Schilder, sorbische Schulen, Osterreiter, Trachten und die beiden sorbischen Sprachen erinnern daran, dass die westslawische Vergangenheit Deutschlands nicht nur Geschichte ist. Sie lebt noch.
Doch die Sorben kämpfen nicht um Expansion.
Sie kämpfen um den Erhalt ihrer Sprache und Kultur.
Und genau darin liegt ein wichtiger Unterschied zur Vorstellung einer kommenden „Slawisierung Deutschlands“.
Keine Eroberung – sondern Geschichte
Werden Polen, Ukrainer oder andere Slawen Ostdeutschland dominieren?
Nein.
Die heutigen Wanderungsbewegungen verändern Städte und Regionen, aber sie bedeuten keine ethnische Eroberung. Die zweite Generation spricht überwiegend Deutsch, Familien vermischen sich, Identitäten werden vielfältiger.
Die Karte zeigt deshalb keine bevorstehende „slawische Übernahme“.
Sie zeigt etwas viel Interessanteres:
Geschichte bewegt sich in beide Richtungen.
Menschen wandern. Sprachen verbreiten sich. Sprachen verschwinden. Grenzen entstehen und verschwinden.
Ein Ortsname kann älter sein als ein Staat.
Eine Sprache kann überleben, obwohl ihr Sprachraum schrumpft.
Und eine Stadt kann eine deutsche Gegenwart besitzen und gleichzeitig eine slawische Vergangenheit tragen.
Berlin erinnert vielleicht mit seinem Namen an einen alten Sumpf.
Bautzen erinnert an die Sorben.
Das Ruhrgebiet an die Ruhrpolen.
Görlitz und Frankfurt (Oder) zeigen ein Europa, in dem Grenzen durchlässiger werden.
Die Geschichte gehört dabei niemandem.
Aber die Landschaft erinnert sich.
Und manchmal erinnert sie sich länger als politische Grenzen, Staaten und Ideologien.
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